| Donnerstag, 13. März bis Sonntag, 13. April 2003 |
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Freitag, 4. April, 15.00 bis 16.30 Uhr, Treffpunkt Kornhaus Nachdem sich alle Teilnehmer um 15.00 Uhr vor dem Kornhaus versammelt hatten und Frau Seidel kurz den Weg der Stadtführung erklärt hatte, marschierte die Gruppe in flottem Schritt der ebenso flotten Ortrud Seidel hinterher.
Erster Halt war am »Haus des Judenmüllers«, wo einst die Kinder wie auch Frau Seidel dem drehenden Rad der Mühle zugeschaut hatten und jüdische Kinder nebenan zur Judenschule gingen. Gleich gegenüber (Haus Nr. 9 und 11) befand sich damals eine jüdische Synagoge, wo damals nicht nur Gottesdienste, sondern auch jüdische Feste gefeiert wurden. Im unteren Teil des Hauses befand sich damals ein Judenbad, wo Männer vor einer Eheschließung und Frauen nach ihrer Periode ein reinigendes Bad nahmen. Entlang der Stadtmauer (an der meist Juden wohnen mussten, da die Flächen an der Stadtmauer den Feinden als erstes in die Hände fallen konnten) führte Frau Seidel ihre Mannschaft vorbei am ehemaligen Wohnhaus der jüdischen Familie Hess und Laura Mendel, wo Frau Seidel an die vielen bekannte Dankbarkeit der Juden erinnerte. Ortrud Seidel erzählte ihren Zuhörern die Geschichte ihrer jüdischen Freundin Lilo. Als sich nun alle in der Königsturmstraße befanden, wies Sie auf das ehemalige Eigentum und Wohnhaus des jüdischen Schuhfabrikanten Gustav Mayer hin, wo man früher die Juden hingebracht hatte, als diese ihre Häuser und Wohnungen verlassen mussten. (Wegen des Lärmes an der belebten Straße wurde Frau Seidels Stimme leider ab und zu von lauten Motoren übertönt.)
Am Kalten Markt 16 zeigte uns Frau Seidel das 1874 gegründete Bankhaus Gutmann. Am 1. April 1933 wurde es jedoch boykottiert. In der Vorderen Schmiedgasse angekommen besichtigten wir die einstige Schuhfabrik Mayer, wobei uns Frau Seidel von ihrem Mitschüler Fritz Mayer im Schuljahr 1935/1936 erzählte, der damals, weil er Jude war, auf dem Schulweg oft mit Steinen beworfen wurde. Im heutigen Gebäude der Tagespost, damals das gemietete Wohnhaus der Familie Rothschild lebte eine jüdische Viehhändlerfamilie. Diese machten gute Geschäfte als sogenannte Zwischenhändler, verliehen aber auch Geld. Zunächst hatten sie sogar noch eine Monopolstellung im Handel, doch am 23. Februar 1937 wurden sie von den Gmünder Märkten ausgeschlossen. Daraufhin ist ein Teil der Familie ausgewandert. Es folgte von dort ein kurzer Marsch in die Ledergasse. Dort zeigte uns Frau Seidel das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus von Leopold Kahn. Dieser war bis 1930 der Inhaber der dortigen Stoffspielwarenfabrik. Seine Mutter wurde in Theresienstadt ermordet, der Vater starb in Dellmensingen.
Dann kamen wir auf den Marktplatz. Am Marktplatz 25 war das Süßwarengeschäft Czisch. Inhaber war Franz Czisch, Halbjude katholischen Glaubens. Er übernahm, trotz seines abgeschlossenen Jurastudiums, das Geschäft von seinem jüdischen Vater, der dies nicht mehr betreiben durfte, da er als Halbjude keine Stelle bekam. Durch die NS-Diktatur wurde er fünf Familienmitglieder beraubt. Franz Czisch war von 1946-48 Oberbürgermeister der Stadt Gmünd. Während des Wahlkampfes 1948 wurde sein Geschäft beschädigt und er wurde öffentlich beleidigt. Otrud Seidel wies auch noch auf das Wohn- und Geschäftshaus des jüdischen Textilgeschäftes David Heimann hin, Marktplatz 29. Am Prediger wurde dann die Gedenktafel sowohl für die Gmünder Opfer der NS-Diktatur als auch für die Gmünder Juden besichtigt.
Bocksgasse 19 beherbergte das Teppichhaus Meth. In der Bocksgasse 25 betrieb Samuel Fuchs sein Geschäft, »Herren- Konfektion und Anfertigung nach Maß«. Er hatte sieben Kinder. Eines fiel im ersten Weltkrieg, fünf andere wurden von den Nazis ermordet, nur eines überlebte. In der Bocksgasse 29 stand das erste moderne Kaufhaus Gmünds, geführt von dem Juden Alfred Meth. Er war als hilfsbereiter Wohltäter bekannt. 1926 eröffnete er dort in einem Nebengebäude das erste Gmünder Lichtspielhaus (Kino) »Gamundia Lichtspielhaus«. Der Eintritt betrug 10 Pfennige, für die Armen umsonst. Kaufhaus und Kino mussten geschlossen werden. Alfred Meth und seine Frau wurden in die Pyrenäen abgeschoben, später wanderten sie in die USA aus. Der einstige Millionär schaffte das weitere Überleben nur durch finanzielle Unterstützung von Freunden. In der Alleestraße wohnte, so erzählte Frau Seidel, der alleinstehende taubstumme jüdische Rentner Louis Philipp Wallach. Er war vor allem unter den Kindern der Nachbarschaft sehr beliebt. Er wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort innerhalb kürzester Zeit.
Zuletzt führte Otrud Seidel ihre sehr interessierte Zuhörerschaft zur Kreissparkasse in der Uferstraße. Dort stand früher die Gmünder Synagoge, die 1926 eingeweiht und schon 1934 geschändet wurde. Niemand wurde bestraft, die Täter wurden sogar noch gedeckt. Daraufhin wurden von den Juden Leute zur Überwachung dort einquartiert, diese wurden jedoch in der Pogromnacht im November 1938 ins KZ Dachau verschleppt. Die Synagoge wurde wegen ihrer so nahen und verbundenen Lage zur Kreissparkasse nie angezündet, sondern nur demoliert. Im Jahre 1979 wurde eine Erinnerungstafel an die Synagoge in der Kreissparkasse enthüllt. Wohl machte Frau Seidel allen klar, dass dies zu wenig Erinnerung an die jüdische Gemeinde Gmünds, an ihren kulturellen und sozialen Beitrag, als auch an ihren Leidensweg ist.
Führung: Ortrud Seidel
| Begleitprogramm Dienstag, 11. März bis Samstag, 12. April 2003, Stadtbibliothek Donnerstag, 13. März bis Sonntag, 13. April 2003, Prediger, Innenhof März Freitag, 14. März, 19.00 Uhr, Prediger, kleiner Saal Montag, 17. März, 19.00 Uhr, Prediger, kleiner Saal Donnerstag, 20. März, 10.00 Uhr und 12.00 Uhr, Theaterwerkstatt Freitag, 21. März, 19.00 Uhr, Prediger, großer Saal Samstag, 22. März, 14.00 Uhr bis 17.45 Uhr, Treffpunkt: Bahnhof Dienstag, 25. März, 19.00 Uhr, Prediger, kleiner Saal Donnerstag, 27. März, 20.00 Uhr, Congress-Centrum Stadtgarten Montag, 31. März, 19.00 Uhr, Prediger, kleiner Saal April Freitag, 4. April, 15.00 bis 16.30 Uhr, Treffpunkt Kornhaus
Montag, 7. April, 19.00 Uhr, Prediger, kleiner Saal Mittwoch, 9. April, 19.00 Uhr, Prediger, kleiner Saal Sonntag, 13. April, 15.00 Uhr, Prediger, Innenhof |