Autorenspezial:
Leo Linder

Am 7. und 8. Juni 2004 war der Filmproduzent und Autor Leo Linder auf Einladung einer Schülerin (Bericht folgt) zu Gast in Schwäbisch Gmünd. Neben dem Erlebnisbericht von Florian Klei (11 Jahre) dokumentieren wir die Pressemeldung der Schule.

Pressemeldung: Autorenlesung am Parler-Gymnasium
Leo Linder über die Heilige »mit dem rebellischen Potenzial«
Zwei Schulstunden, die viel zu schnell vergangen sind

Anfang der Woche kam Leo Linder zu einer Autoren-Lesung ans Parler-Gymnasium. Der Autor des Jugendbuchs »Das stürmische Mädchen« stellte nicht nur die spannende Geschichte der Jeanne d’Arc vor, sondern erläuterte auch den Schülerinnen und Schülern der sechsten Klassen kompetent und humorvoll, wie ein Jugendbuch entsteht. Das Besondere an dieser Veranstaltung: Die Initiative zu diesem kulturellen Erlebnis war von einer Sechstklässlerin ausgegangen, die von der Lektüre begeistert mit dem Autor in Briefkontakt getreten war und diesen schließlich ans Parler eingeladen hatte.

Da saß er nun im voll besetzten Musiksaal vor den Zwölfjährigen, die den 55-jährigen Regisseur, Filmproduzenten und Buchautor aus Düsseldorf erwartungsvoll anschauten: eine sportliche Erscheinung, braungebrannt und mit Dreitagesbart, lebhaften Augen hinter runden Brillengläsern, ein Autor, dem man sofort abnahm, dass er vieles, wovon er erzählt, auch wirklich mit eigenen Augen gesehen hat und der in eindrucksvollen Bildern erzählen kann, wie er es als Filmemacher gewohnt ist. Um es kurz zu machen: Der Funken sprang sofort über!

Jeanne d’Arc (1412-1431)
Die Geschichte der »Jungfrau von Orléans« ist weithin bekannt, in den Bibliotheken sind mehr als 15 000 Veröffentlichungen über sie verzeichnet. Ihre Geschichte spielt im Hundertjährigen Krieg, in dessen Verlauf Nordfrankreich bis an die Loire von den Engländern besetzt worden war: »Jeanne, die Bauerntochter, ist ein wahrer Wildfang. Mit 17 Jahren verlässt sie ihr Elternhaus. Mehr als die nächsten zwei, drei Dörfer kennt sie nicht, aber sie hat sich vorgenommen, Frankreich vor den Engländern zu retten, die das Land in einem seit hundert Jahren andauernden Krieg ausgeblutet haben. Jeanne will die Engländer dorthin zurückschicken, wo sie hergekommen sind, und verhindern, dass Frankreich von London aus regiert wird. Wie sie darauf kommt? Die Himmlischen haben es ihr eingeflüstert, sagt sie. Und jeder nimmt sie ernst: die einfachen Soldaten, hohe Generäle, Kirchenmänner und selbst der König. Aber alle warten darauf, dass sich das Mädchen in der Männerrolle blamiert, schließlich kann sie nicht einmal reiten, geschweige denn einen Krieg führen.« (Bertelsmann)

Ein Stoff für Zwölfjährige von heute? Gewiss, denn dass eine junge Frau in eine Rolle schlüpft, die eigentlich dem anderen Geschlecht vorbehalten ist, dass eine bäuerliche Analphabetin weiter denkt und schlagfertiger argumentiert als Adlige und Akademiker, dass es einer Heranwachsenden um ihr Land ernster ist als den Erwachsenen, die sie nicht sonderlich ernst nehmen, all das macht die Geschichte interessant und lädt zur Identifikation ein – vor allem Mädchen, aber auch Jungen, wie ein Leser aus der 6. Klasse bestätigte.

Wie schreibt man einen Roman?
Da es nicht nur darauf ankommt, was erzählt, sondern auch wie erzählt wird, las Linder einige Passagen aus seinem historischen Roman vor um die Wirkung der Sprache zu demonstrieren und um anhand zahlreicher Beispiele zu veranschaulichen, wie Literatur »gemacht« wird. Ganz im Stile einer Literatur-Werkstatt führte er seinem jugendlichen Publikum die einzelnen Arbeitsphasen vor:

Am Anfang stehe die Neugierde. Ein Buchauftrag über die Loire war für ihn der Anlass sich mit Jeanne zu beschäftigen. Diese Neugierde trieb ihn zunächst zur Lektüre. »Man liest, liest und liest.« Tagebücher, Biografien (nicht nur der Heiligen), Gerichtsakten, vor allem Verhörprotokolle. So seien manche Antworten Jeannes authentische Zitate aus den Quellen oder zumindest ihrem Sprechstil (»Originalton«) nachgeahmt.

In der zweiten Arbeitsphase gehe es darum, die Schauplätze »abzuklappern«, denn ohne eine genaue Kenntnis der Landschaften, der Städte und der Burgen lasse sich nicht anschaulich darüber schreiben.

In der dritten Arbeitsphase gehe es darum, sich für die Rahmengeschichte zu interessieren und diese Wirklichkeit in die fiktive Geschichte zu integrieren: So habe es in Wirklichkeit einen Aufruf der angesehenen Universität Paris an alle Jungfrauen des Landes gegeben, von ihren Visionen zu erzählen. Auch sei der Geschlechterwechsel (Jeanne schlüpft in eine Männerrüstung!) tatsächlich unter Androhung der Todesstrafe verboten gewesen. Belegt ist gleichfalls, dass die französischen Ritter die englischen Langbögen verschmähten (Linder: »Die starben lieber als einen Langbogen in die Hand zu nehmen!«), was die hohen Verluste auf französischer Seite erklärte. Selbst über den Reitstil der Ritter musste sich der Autor informieren um seine Geschichte mit authentischem Material anzureichern.

Auswahl sei das Schlagwort für die vierte Arbeitsphase: Welche Figuren, welche Schauplätze gehören notwendigerweise in den Roman? Wie lässt sich die Handlung für die Leser straffen?

In der letzten Arbeitsphase gehe es darum, den Figuren »ein Gesicht« zu geben, ihnen also ein Aussehen zu erfinden und eine bestimmte Sprechweise zu verleihen. Für die Hauptfigur sind das die Sommersprossen und die einfache, aber pfiffige Sprechweise. Linders Erfolgsrezept für die Hauptfigur: »Je vager das Gesicht ist, desto leichter kann sich jede Leserin damit identifizieren.«

Nach diesen Arbeitsphasen gehe das Schreiben relativ rasch von der Hand: »Wenn ich anfange, eine Geschichte zu schreiben, dann erzählt sich die Geschichte von selbst weiter.« So sei das Buch von der ersten Arbeitsphase bis zur Buchproduktion in einem knappen Jahr entstanden. Das Verhältnis von »Dichtung und Wahrheit« brachte der Autor abschließend – belegt an zahlreichen Beispielen – auf die einfache Formel: Was passiert ist, entspricht der historischen Wahrheit, wie es passiert und dargestellt ist, das ist größtenteils erfunden!«

Autor und Leser(innen)
Leo Linder hatte so viel Anschauliches, Witziges und Spannendes zu erzählen, dass die für die Autorenlesung veranschlagten zwei Schulstunden »viel zu schnell« vergingen. Selbst die Behandlung von Nebenfiguren wie Trémoille als Sinnbild eines taktierenden Politikers oder wie dem Kindermörder Gilles de Rais zeigte den Schülerinnen und Schülern, mit wie viel Leidenschaft und Liebe zum Detail dieses Jugendbuch geschrieben wurde. Der Schluss-Applaus galt dem Autor, dessen erstes Jugendbuch ein großer Erfolg zu werden verspricht, aber auch Judith Sonneck aus der Klasse 6 a, die den Autor mit Unterstützung der Deutschlehrerin Martina Schmid und der Klassenlehrerin Evmarie Koschorreck eingeladen hatte.

Erlebnisbericht von Florian Klei (Klasse 6)
Sonntag, 7. Juni 2004
Ein Essen mit dem Autor
Am Sonntag traf Leo Linder, der Autor aus Düsseldorf, am Bahnhof ein. Wir holten ihn dort ab, denn wir wollten gemeinsam Essen gehen. Wir warteten etwa zehn Minuten auf den Zug, dann wunderten wir uns, warum es schon zehn nach sechs war, um sechs wollten wir uns treffen, und keiner stand am Bahnsteig. Wir fanden das ziemlich komisch, denn von der Verspätung eines Zuges hatten wir nichts gehört. Ich sah nochmal auf meine Uhr und sah, dass es erst fünf vor sechs war. In letzter Zeit kommen mein Vater und ich immer zu früh, und seine Überpünktlichkeit NERVT. Etwas später sahen wir, dass die anderen gar nicht am Bahnsteig, sondern an der Straße warteten. Denn Herr Linder würde mit dem Auto kommen. Ich fand es zwar komisch, dass man sich dann am Bahnhof treffen musste, aber eigentlich ist das ja logisch, da ein Bahnhof immer gut ausgeschildert ist.

Als Herr Linder dann auf die Minute pünktlich kam und alle anderen, das heißt Herr und Frau Koschorreck, Frau Schmied, Frau Sonneck, (Das sind alles Lehrer an meiner Schule), Judith, das ist die Tochter von Frau Sonneck, Simon, seine Mutter und seine Schwester Verena, mein Vater und ich auch da waren, fuhren wir auf Umwegen zu dem Restaurant, in das wir wollten. Dort angekommen, liefen wir etwas durch die Landschaft, und ich fragte mich, was das wohl sollte, aber es war nur ein Spaziergang. Endlich kehrten wir um und bei der Gaststätte, ich glaube sie hieß »Seehof«, aßen wir etwas. Da kamen auch noch Gabriele Schüssler und ihre Mutter aus dem Elternbeirat des Parlers. Falls dies jemanden interessiert, was ich nicht glaube: Ich aß Spätzle mit Bratensauce und Salat. Und Herr Linder aß Austern und ein Schneckensüppchen. Er machte auf mich einen ganz sympathischen Eindruck, er war recht nett. Etwas später sonderten wir fünf Kinder uns von der Gruppe ab, spielten etwas und gingen hinunter zum See. Als es uns auch dort langweilig wurde gingen wir zurück. Aber die Erwachsenen unterhielten sich noch und wir Kinder warteten mehr oder weniger geduldig. Es war jetzt schon zehn Uhr und Zeit zum heimfahren. Das war's.

Halt! Zu einer Person möchte ich noch etwas sagen: Judith hatten wir diesen Abend überhaupt zu verdanken, denn sie hatte die ganze Geschichte überhaupt begonnen, d.h. sie hatte mit Herrn Linder Briefe gewechselt und ihn gebeten, zu unserer Stadt zu fahren und uns so eine Vorstellung zu präsentieren.

Montag, 8. Juni 2004
Zu Besuch im Parler und eine Stadtführung
Auch heute sahen wir Leo Linder, denn er hielt bei uns eine Autorenlesung. Anschließend gab es eine Stadtführung.

Aber zunächst einmal Punkt eins: die Lesung. Herr Linder erzählte und redete ziemlich viel, so dass man am Ende nur noch das Wesentliche wußte, und auch davon nicht alles. Ich will hier nur das aufschreiben, das mir wichtig erscheint. Herr Linder zählte uns das Nötigste auf, ein Buch zu schreiben:
Man sollte viele Freundschaften pflegen, denn Freunde können einem bei dem Buch helfen und wenn man die Freundschaften mit späteren Lektoren oder Verlagsbesitzern schon früh festigt ist das um so besser. Vorher im Internet und in Büchern zu recherchieren und vielleicht in die Gegend, in der das Buch spielt, zu reisen, ist auch nützlich.

Normal brauchen Erwachsenenromane mehr Zeit als Jugendromane, aber Herr Linder schrieb nur etwa drei Monate an seinem Buch »Das stürmische Mädchen«. Er sagte auch, Autor zu sein sei gar nicht so schwer, wie man immer glaubt, aber dafür hat ein freier Autor auch kein regelmäßiges Einkommen.

Herr Linder erzählte auch über die inhaltlichen Angaben des Buchs, was wahr oder erfunden sei und was nach der Geschichte aus den Personen geworden ist. So wurde aus Gilles de Rais einer der schlimmsten Kindermörder der Weltgeschichte. Das erweckte bei allen natürlich die meiste Neugier.

Aber er sprach auch von der Vorgeschichte als Autor: Er war von einem Verlag beauftragt worden, ein Buch über Flüsse zu schreiben, obwohl er eigentlich Filmproduzent ist und Filme über dieses Thema gemacht hatte. Inzwischen hat er 21 Bücher veröffentlicht.

So endete diese spannende Vorstellung und Herr Linder bekam, wie ich später herausgefunden hatte, leckeren Kuchen während wir im Lateinunterricht saßen... Neid, Neid!

Über die anschließende Stadtführung nur wenig: es war wundervoll. Wir besichtigten das Münster und stiegen aufs Dach. Wir schauten uns die Altstadt an und jeder der Schüler, die mitkamen, sagte einen Text auf. Es kamen noch mein Vater, Simons Mutter, Frau Schmied, Frau Koschorreck und Frau Schüssler. Wir sahen das abgebrannte Passé, die Johanneskirche und andere Gebäude. Aber das Tollste war die Besichtigung des Münsters, bei der wir uns den Dachstuhl und alles andere sehenswerte beschauten.

Ich schreibe wenig, weil in Gmünd ohnehin jeder so eine Führung alleine machen kann und sollte. Es lohnt sich wirklich!

Nahe bei unserem Haus verabschiedete ich mich von allen und erschöpft von den ca. 300 Treppenstufen des Münsters, die ich heute gestiegen war, kehrte ich heim.

Bilder: Volker Klei

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Das stürmische Mädchen